Die laufende Sanierung des ehemaligen Gasthofs Adler am Brückenkopf von Bremgarten bringt nicht nur das Gebäude für die Zukunft in Form – sie eröffnet auch faszinierende Einblicke in seine Vergangenheit.
Im Auftrag der Kantonsarchäologie Aargau wurde das Haus Anfang 2026 bauarchäologisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Der Adler ist weit mehr als ein historisches Gasthaus. Seine Mauern erzählen über 700 Jahre Stadtgeschichte.
Wo heute der Adler steht, verlief einst die Stadtbefestigung
Eine der spannendsten Erkenntnisse betrifft die Lage des Gebäudes. Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass Teile der mittelalterlichen Stadtmauer sowie des sogenannten Inneren Reusstors direkt in die heutige Bausubstanz integriert sind. Dieses Tor bewachte einst den Zugang zur Stadt über die Reussbrücke und gehörte zu den wichtigsten Verteidigungsanlagen Bremgartens.
Noch heute lassen sich im Gebäude Mauern von beeindruckender Stärke nachweisen. Im Untergeschoss sind sie bis zu 1,20 Meter dick. Archäologische Spuren deuten darauf hin, dass hier bereits um 1300 ein Wehrturm und Teile der Stadtmauer standen.
Ein Haus, das die grossen Stadtbrände überstand
Bremgarten wurde im Mittelalter mehrfach von verheerenden Bränden heimgesucht. Besonders die Stadtbrände von 1382 und 1434 prägten die Entwicklung des heutigen Adlers.
Die Untersuchungen zeigen, dass das erste Gebäude an diesem Standort vermutlich bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand. Nach den Bränden wurde es mehrfach wiederaufgebaut, erweitert und verstärkt. Holz wurde durch Stein ersetzt, neue Mauern entstanden und bestehende Strukturen wurden angepasst.
Dendrochronologische Untersuchungen – die Datierung von Holz anhand der Jahresringe – konnten Balken aus verschiedenen Bauphasen nachweisen. Einige stammen direkt aus der Wiederaufbauzeit nach dem Brand von 1382, andere wurden kurz nach dem Brand von 1434 verbaut.
Seltene Spuren des mittelalterlichen Wohnens
Besonders bemerkenswert sind die erhaltenen Zeugnisse des alltäglichen Lebens im spätmittelalterlichen Bremgarten. Im ersten Obergeschoss fanden die Fachleute Reste historischer Deckenmalereien mit roten Wellenlinien, Punkten und floralen Motiven. Solche Farbfassungen sind heute selten erhalten und geben einen Eindruck davon, wie farbig und lebendig die Wohnräume einst gestaltet waren.
Auch Hinweise auf die damalige Raumaufteilung, Küchenbereiche, Lagerräume und möglicherweise sogar eine Wärterwohnung konnten dokumentiert werden.
Vom Bürgerhaus zum Gasthof
Über die Jahrhunderte wurde das Gebäude immer wieder verändert. Im 17. Jahrhundert erhielt es ein zusätzliches Obergeschoss und einen neuen Dachstuhl. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten weitere Umbauten, neue Fenster, Türen und Raumaufteilungen.
Vermutlich hängen grössere Veränderungen von 1823 mit der Entwicklung des Hauses zum Gasthof Adler zusammen. Damit begann jene Nutzungsgeschichte, die das Gebäude bis heute prägt und vielen Bremgarterinnen und Bremgartern in Erinnerung geblieben ist.
Noch sind nicht alle Geheimnisse gelüftet
Trotz der umfangreichen Untersuchungen bleiben einige Fragen offen. Da viele historische Mauern noch von späteren Verkleidungen verdeckt sind, hoffen die Fachleute auf weitere Erkenntnisse während der laufenden Sanierung. Besonders spannend ist die Frage, wie viel von der ursprünglichen Stadtmauer und dem mittelalterlichen Wehrgang noch erhalten geblieben ist.
Schon heute steht jedoch fest: Der Adler gehört zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden Bremgartens. Mit der aktuellen Sanierung wird nicht nur ein Haus erneuert, sondern ein bedeutendes Stück Stadtgeschichte für kommende Generationen bewahrt.
Wir freuen uns darauf, in den kommenden Monaten weitere Entdeckungen aus der Baugeschichte des Adlers mit Ihnen zu teilen.